Leben in Köln

In die Gedanken gemalt

Antje Schlenker-Kortum · 04.12.2019

Sehende und nicht sehende Teilnehmer lassen Picassos „Frau mit Artischocke“ auf sich wirken – schauend oder hörend. Foto: Antje Schlenker-Kortum. Gemälde: © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Sehende und nicht sehende Teilnehmer lassen Picassos „Frau mit Artischocke“ auf sich wirken – schauend oder hörend. Foto: Antje Schlenker-Kortum. Gemälde: © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Wie beschreibt man nicht Sehenden die expressive Wirkung von Gemälden? Eine Führung für blinde und sehbehinderte Menschen im Museum Ludwig.

Sie stehen zu viert im Foyer des Kunstmuseums. „Wer ist denn nun alles da?“ Magret H. wendet sich fragend an ihre sehende Begleiterin. „Ich habe doch Werbung für die Kunstführung gemacht.“ Seit fünf Jahren sei sie fast völlig erblindet. „Die Kurve des restlichen Sehvermögens sinkt“, sagt sie mit einer abwinkenden Handbewegung.
Herbert ist in Begleitung einer sehenden Kollegin aus dem Sportverein da. „Ich erfahre viel aus dem KölnerLeben. Die gibt es auch als Hörversion“, sagt er mit einer Kopfbewegung in Richtung Magret H.

Diese Kunstführung sei im Frühjahr als eines von mehreren Pilotprojekten gestartet, erklärt Dr. Marion Hesse-Zwillus. Sie ist Programmleiterin für Inklusion beim Museumsdienst der Stadt Köln. Ihre Aufgabe ist es, regelmäßige Angebote für Menschen mit Behinderung zu entwickeln. Sie führt aus, dass man je nach musealer Sammlung spezielle Führungen mit zum Beispiel tastbaren Objekten, Gerüchen oder auch mit Klängen entwickelt. Für das Museum Ludwig habe man folgendes Konzept für Menschen mit Sehbehinderung erarbeitet: „Es wird viel mündlich beschrieben, sodass man sich das Werk genau vorstellen kann und ein eigenes Bild entsteht. Wichtig ist der Austausch untereinander und auch mit den Sehenden. Kunst ist eine subjektive Wahrnehmung und das ist gut so.“

Erkundungen im Klang der Worte

Inzwischen ist Kunstführerin Julia Greipl zu der Gruppe gestoßen und stellt sich vor. Los geht die Führung. „Wir laufen jetzt gedanklich auf den Rhein zu“, sagt Greipl, während sie die Teilnehmer durch das Gebäude lotst – zu dem Picasso Gemälde „Frau mit Artischocke“. Ebene für Ebene beschreibt sie, was man sieht und was das Bild ausmacht. „Eine Frau füllt das Bild ganz aus, schwarze Konturen, die aber deutlich rundend eine Frau formen ...“ Mit sachte wechselnden Tonlagen illustriert Kunsthistorikerin Greipl die Beleuchtung und den Kontrast im Hintergrund. „Wie genau sieht die Artischocke aus?“, fragt jemand. „Das ist keine appetitliche Frucht, sie wirkt wie eine Bedrohung. Sie hat einen langen Stiel und ist spitz wie ein Morgenstern.“ Beim Reden schneidet sie Handbewegungen in die Luft. Und durch die Geräusche ihrer Jeansjacke werden die scharfen Linien hörbar.


Magret H. vor der Landpartie von Ferdinand Léger. Fotos: Antje Schlenker-Kortum. Gemälde: © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Kunst und Leben

Im Weitergehen beschreibt Greipl die museale Präsentation der Werke: „Wir gehen nun in einen engen Raum, direkt vor einen düsteren Picasso, Mann mit Hut. Ein Auge wird durch ein tiefschwarz gemaltes Loch geformt.“ „Ein Totenkopf?“, fragt Magret H. Sie ist tief in ihre Vorstellungen versunken. Ganz nah tritt sie an das Bild heran. „Ich sehe einen hellen Fleck. Was ist das?“ „Sie sehen ein weiß-gelb gestreiftes, ein typisch bretonisches Hemd!“ Julia Greipl wirkt freudig überrascht und man philosophiert munter über lebensbejahende Farben und das mystische Lächeln.

Um diese Stimmung aufzugreifen, zeigt die Führerin als Nächstes die Landpartie von Ferdinand Léger. „Ich sehe gelb!“, sagt Magret H. Schon von weitem erhellt sich ihr Blick, als sie darauf zugeht. Fast überschwänglich beschreibt Greipl nun die farbenfrohe Familie am sonnengelben Strand. Dieses Werk lebe auch von der sinnbildlichen Verbundenheit der aufgelegten Hände. Jetzt will man es genau wissen: Wer ist die Mutter? Wie sehen die Kinder aus? Wann wurde das Bild gemalt?

Nach 90 Minuten geht die Führung zu Ende. Greipl fragt, wie es gefallen hat. Magret H.s Gesicht wirkt entspannt und beseelt. Sie schwärmt: „Wunderschön! Das war wieder ein Lichtblick. Kunst ist gut gegen Depressionen. Sie gibt einem das Gefühl, dass man unter die Menschen gehört!“

Informationen

„Von Worten zu Bildern“

Kostenfreie Führung für blinde und sehbehinderte Besucher

Museum Ludwig
Heinrich Böll-Platz
50667 Köln

Kosten: nur Eintritt - 8€ (ermäßigt)

Ab 7. Januar 2020 jeden 1. Dienstag und jeden 3. Sonntag im Monat
11–12.30 Uhr
Anmeldung erforderlich unter: Tel. 0221 / 221-223 34

Kostenpflichtige Gruppenführungen sind buchbar unter:

Tel. 0221 / 221-273 80 oder per E-Mail
Webseite des Museums Ludwig und Link zum Portal für Menschen mit Behinderung

Audioguide

Das Museum für Angewandte Kunst Köln bietet eine Führung durch die Museumshighlights per Audioguide an. Die App kann kostenlos heruntergeladen werden. Damit können Sie auch zu Hause einer Führung beiwohnen.

Das Museum für Angewandte Kunst Köln
An der Rechtschule
50667 Köln

Eintritt: 2€ (ermäßigt)

 

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Tags: blinde und sehbehinderte Menschen , Kunst , Leben mit Behinderung

Kategorien: Leben in Köln