Leben in Köln

Büdchen im Veedel

Philipp Haaser · 04.09.2019

Wolfgang Botz im Büdchen. Foto: Philipp Haaser

Wolfgang Botz im Büdchen. Foto: Philipp Haaser

Es hat viele Namen: Kiosk, Büdchen, Trinkhalle. Immer ist es ein Anlaufpunkt für die vergessene Milch oder ein Schwätzchen.

Früher Samstagnachmittag auf dem Vogelsanger Marktplatz: Die Bäckerei ist geschlossen. Weder im Versicherungsbüro noch in der Kneipe ist eine Regung auszumachen. Für Leben in Vogelsangs Zentrum sorgt eine andere Institution. Viele kennen sie unter dem Namen der Eltern des heutigen Pächters: Stammels Büdchen. Den Kiosk am Rand des Platzes gibt es seit fast siebzig Jahren.

Für manche ist er eine gut erreichbare Einkaufsmöglichkeit mit komfortablen Öffnungszeiten. In vielen Veedeln, in denen es eher dörflich zugeht, erfüllen Büdchen wie dieses aber Funktionen, die weit über die Nahversorgung hinausgehen: Sie sorgen für Austausch und Zeitvertreib und fördern so den Zusammenhalt. Das gilt nicht nur für die Kunden. „Ich mach das aus Langeweile“, sagt Wolfgang Botz. Er hilft zweimal in der Woche beim Verkauf aus. Dem gelernten Maurer macht das sichtlich Spaß. Für jeden hat er einen Scherz, eine liebevolle Beleidigung übrig. „Dummverzäll“, „De Schnüss schwade“: der 59-Jährige, geboren am 11.11., benutzt die kölschen Wörter, um seinen Ansatz zu beschreiben. „Ich muss die Leute doch bei Laune halten“, sagt er.

Kampf für Erhalt

Wie wichtig den Vogelsangern ihr Büdchen ist, zeigten sie Anfang des Jahres. Die Abwassergrube war marode geworden. Die Stadtwerke als Eigentümer wollten keinen Kanalanschluss finanzieren und kündigten dem Pächter. Das Ende des Büdchens stand im Raum. Daraufhin demonstrierten die Vogelsanger in Scharen auf dem sonst so beschaulichen Platz für den Erhalt. Kurz darauf fand sich eine Lösung.

„Das wäre ein herber Verlust gewesen. Sonst ist hier doch tote Hose“, sagt Lisa Friedrichs. Sie stellt ihr Fahrrad ab und kauft eine Zeitung. Alfred Scheideler gehört zu den älteren Stammkunden. Der 63-jährige gebürtige Vogelsanger verbindet Erinnerungen mit dem Kiosk. „Ich habe hier schon Kamellchen gekauft, als ich auf der Grundschule war“, sagt er. Heute trinkt er morgens am Büdchen seine Tasse Kaffee, bevor der Arbeitstag beginnt. Für ihn ist das ein Stück Heimat: „Weil man sich hier trifft.


Büdchen auf dem Vogelsanger Markt. Foto: Philipp Haaser

“Die Schule gibt es heute noch. Das Gebäude liegt hinter dem Kiosk. Mittags investieren die Schüler wie früher ihr Taschengeld in Süßigkeiten, Comics und Spielzeug. Es gibt zwar auf der anderen Seite des Platzes auch einen kleinen Supermarkt. Bier, Milch, Brot, Knabberzeug: Vieles ist dort billiger als am Kiosk. Doch auch während der Öffnungszeiten entscheiden sich viele für das Büdchen. Das mag am Angebot liegen. Eine große Auswahl an Zeitungen, Zeitschriften, Eis, Zigaretten und Bier ist für einen guten Kiosk sicher unabdingbar.

An Stammels Büdchen gibt es aber noch mehr. Lisa Friedrichs lobt die Qualität der Sonntagsbrötchen, die sie hier bestellt. Kunden können Pakete abgeben und zwischengelagerte Sendungen abholen. Eine Post gibt es in Vogelsang nicht mehr. Wünsche nach ausgefalleneren Publikationen erfüllen Pächter Oliver Feldmannund sein Personal gerne kurzfristig. Doch der Hauptgrund für viele ihrer Kunden dürfte die Gelegenheit für ein Schwätzchen sein. Und das ist den Vogelsangern etwas wert.


Ender’s Kiosk in Dellbrück. Foto: Philipp Haaser

Anlaufstelle für alte und neue Nachbarn

Was ein Büdchen für den Zusammenhalt bedeuten kann, lässt sich in Dellbrück beobachten. Der Vorort verändert sich, viele junge Familien ziehen hierher. Der rote Flachbau, in dem Ender Toksoy seinen Kiosk betreibt, sticht zwischen den grauen Gebäuden am Grafenmühlenweg hervor. Der alte Wohnblock aus den 1950ern wurde vor kurzem abgerissen. Die Wohnungsbaugenossenschaft hat ihn durch moderne Neubauten ersetzt und erweitert. Toksoy mag die Veränderung. Gleichzeitig sorgt sein Kiosk als Anlaufstelle für alte und neue Nachbarn für Beständigkeit. Das liegt auch an ihm: „Viele Kunden kennen mich, seit ich Grundschüler bin“, sagt der 30-Jährige, der in Dellbrück groß geworden ist. In seinem Büdchen kommen die Menschen ins Gespräch. „Viele, die hier reinkommen, suchen den persönlichen Draht.“ Auch langjährige Freundschaften seien im Kiosk entstanden.

Der gebürtige Dresdner Daniel Grumbach lebt seit drei Jahren im Veedel und trinkt sein Feierabendbier am Kiosk. Er hat dabei Freunde gefunden. Zu fünft teilen sie inzwischen seine Begeisterung für den Motorsport und fahren gemeinsam Gokart. Wenn sie sich im Büdchen sehen, geht es aber nicht nur um PS, Vergaser und Kurvenlage. Der 41-Jährige beschreibt Toksoys Büdchen als Familienersatz: „Wir erzählen einander, wie der Tag auf der Arbeit war und mit welchen Problemen wir uns gerade herumschlagen. “So werde auch für ihn, der es nicht lange in Berlin ausgehalten habe, die Großstadt Köln erträglich: „Ich habe eine echte Beziehung zu meinen Nachbarn.“

Tags: Dellbrück , Veedel , Vogelsang

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