Leben in Köln

Kostenloses Fitnesstraining in Kölner Parks

Philipp Haaser · 15.06.2020

An den Geräten kann man verschiedene Übungen ausführen, die auf Tafeln erklärt werden. Hier etwa wird die Oberschenkel- und Hüftmuskulatur effektiv gedehnt. Foto: Thilo Schmülgen

An den Geräten kann man verschiedene Übungen ausführen, die auf Tafeln erklärt werden. Hier etwa wird die Oberschenkel- und Hüftmuskulatur effektiv gedehnt. Foto: Thilo Schmülgen

Diese Trainingsparcours im Freien sollten Sie kennen! Sie stehen allen jederzeit offen.

Die beiden Sportstudenten haben den öffentlichen Fitnessparcours an der Groov geräumt. Sie stehen nach ihrem Training am Rand des mit gehäckseltem Holz bedeckten Bereichs, trinken und beobachten, wie eine Gruppe die Trainingsgeräte in Beschlag nimmt. Rumpfbeuge, Balance-Akte, Hangeln ander Reckstange. Nach vierzig Minuten Gymnastik auf dem Platz nebenan ist für die deutlich älteren Sportler nun das Krafttraining an der Reihe, Übungen für Koordination und Beweglichkeit eingeschlossen. Alter schützt vor Fitness nicht – im Gegenteil.

Ihr morgendliches Sportprogramm mit viel frischer Luft hat es in sich. Zwölf Bewegungsstationen unter freiem Himmel gibt es bereits in Köln, darunter auch der Parcours in Porz, für den sich die Ehrenamtlichen der Groov-Paten lange eingesetzt haben. Die Abfallwirtschaftsbetriebe Köln (AWB) übernehmen die Pflege, Mitarbeiter des Grünflächenamtes Kontrolle und Wartung der Geräte. Dazwischen haben die Groov-Paten ein Auge auf die Anlage.

Wer hier vorbeischaut, kann allerlei ausprobieren: einen Schwebebalken, der mit massiven Haltestangen aus Edelstahl ein sicheres Gefühl vermittelt, ebenso die Balancierbretter an eisernen Ketten, Gerüste mit Sprossen und niedrige Geräte für Übungen in Sitzhöhe. Welch vielfältige Möglichkeiten die Fitnessgeräte eröffnen, zeigt das Porzer Grüppchen, das sich seit dem Frühling 2017 regelmäßig trifft und sich sogar von Minusgraden nicht abschrecken lässt.


Hier eine Übung zur Kräftigung der Bauchmuskulatur, auch Fuß- und Beinmuskulatur werden trainiert. Foto: Thilo Schmülgen

Zwanzig Teilnehmer gehören zum Kurs von Irmgard Otto, einem Angebot des SeniorenNetzwerks Porz-Zündorf. Einige der Sportler sind über achtzig, aber auch eine 41-Jährige ist dabei, die den herzlichen Umgang in der Runde, die frische Luft und die sportliche Betätigung schätzt. Die Teilnehmer profitieren von Ottos Erfahrung als Dozentin an der Deutschen Sporthochschule Köln. Sie führt die Gruppe von einer Station zur nächsten, gibt Tipps, erläutert die Geräte, korrigiert manchmal die Körperhaltung und spornt an.

Eine Frau hat sich auf eine niedrige Stange gesetzt, streckt die Beine unter die Stange ihr gegenüber und lässt den Oberkörper langsam nach hinten sinken. Unterdessen balanciert ein Mann in Sportkleidung auf einem Bein, während die an Ketten hängende Platte unter ihm zittert. „Dafür braucht man viel Konzentration“, sagt Otto.


Beim „wackeligen“ Einbeinstand sind vor allem Konzentration und Gleichgewichtssinn gefordert. Das beugt Stürzen vor. Foto: Thilo Schmülgen

Wenig Risiko, hoher Nutzen

Während die jungen Sportstudenten ihre Ziele vielleicht in Minuten oder Metern messen, geht es dieser Gruppe um etwas anderes. Ihre Ziele sind nicht weniger konkret und mindestens ebenso motivierend. Muskeln trainieren, Herz und Kreislauf fordern, die Motorik schulen – das ist nötig, unter anderem weil der Körper sonst konstant Muskelmasse abbaut, und das bereits ab dem 30. Lebensjahr. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu sind eindeutig, sagt Antje Baron. Sie ist Geschäftsführerin des Deutschen Instituts für angewandte Sportgerontologie. Sport im hohen Alter sei kein Risiko, sondern Notwendigkeit. Gezieltes Training, mindestens zwei Mal in der Woche, helfe enorm bei der Bewältigung des Alltags.

Dank der Fitnessgeräte in den öffentlichen Grünanlagen muss dafür niemand Mitglied in einem Fitnessstudio oder einem Sportverein werden. Viele Kölnerinnen und Kölner kommen einfach so her, um etwas für Körper und Geist zu tun. So wie Thomas Klein, 63, der vom „Kampf gegen die Bequemlichkeit“ spricht, den er immer freitags gewonnen hat, wenn er die Geräte an der Groov nutzt. Für ihn sind sie eine Alternative zum Radfahren und Wandern und eine sinnvolle Ergänzung mit Bewegungsabläufen, die er sonst nicht trainieren würde. Ihm gehe es darum, seine Beweglichkeit zu erhalten. Nebenbei erfahre er, was es im Veedel so an Neuigkeiten gebe.


An der Reckstange in handlicher Höhe kann man sowohl die Brustmuskulatur dehnen als auch die Haltekraft von Hand- und Armmuskeln fördern. Foto: Thilo Schmülgen

„Das kennen viele ältere Menschen: jeder Gang, jedes Aufstehen wird ohne Training allmählich mühsam“, sagt Expertin Baron. Aber auch andere Selbstverständlichkeiten, wie das Besteck zu halten, eine Flasche oder Türen zu öffnen, Oberschränke zu erreichen oder Brot zu schneiden, fielen mit zunehmendem Alter fast zwangsläufig schwerer. Ohne Training fehle irgendwann nicht nur die Kraft. Auch Reaktionsfähigkeit und Gleichgewichtssinn ließen nach, wenn sie nicht trainiert würden. Und das Gefühl dafür, wieviel Kraft der Körper für bestimmte Reaktionen brauche, müsse durch Sport aktiv erhalten werden.

Baron erläutert, dass regelmäßiges körperlichesTraining, mit Hanteln, Gewichtsmanschetten und anderen Hilfsmitteln, nicht zuletzt den Stoffwechsel im Gehirn positiv beeinflusst und so die kognitive Leistungsfähigkeit steigert. Dahinter steht auch das Ziel, die Selbstständigkeit länger zu erhalten.

Spaß an der frischen Luft

Das weiß die Runde, die Irmgard Otto betreut, bereits aus eigener Erfahrung. Jenny Nicklis ist 87. Sie legt viel Wert auf die Bewegung an der frischen Luft. „Danach geht es mir gleich viel besser“, sagt sie. Anschließend trinkt sie oft noch eine Tasse Kaffee mit ihrer Freundin Eva Breuer, die nach ihr über den Schwebebalken balanciert. Die 83-jährige Breuer findet, solche Fitness- und Bewegungsmöglichkeiten sollte es in jedem Veedel geben. „Es kostet ja nichts, hier zu trainieren. Man muss nicht in einen Verein eintreten. Und für viele ist das ein Faktor“, sagt sie.

Eine so gut organisierte Gruppe wie diese hier ist eher die Ausnahme. Denn die Geräte stehen jedermann zur Verfügung. Und sie stehen an Stellen, die mit Bedacht ausgewählt wurden: dort, wo die Kölner ohnehin spazieren gehen. Ein kleines Trainingsprogramm lässt sich also gut mit einer Runde durch den Grüngürtel oder einem Ausflug an das Rheinufer kombinieren. Bequeme Kleidung ist von Vorteil, aber nicht zwingend nötig. Und auf professionelle Anleitung muss niemand verzichten, der sich ohne Trainer an die Geräte begibt.

Wie eine Trainingseinheit und die einzelnen Übungen darin aussehen können, erläutern Hinweistafeln. Auf wärmen, Koordinationsübungen ,Kraft-, dann Ausdauertraining und das Dehnen der Muskeln zum Abschluss – so lauten die allgemeinen Empfehlungen. An jedem Gerät sind außer dem bis zu drei verschiedene Übungen beschrieben. Ein Farbcode zeigt ihre Schwierigkeitsstufe an.


Wer so von Kopf bis Fuß in einer Streckung 20 Sekunden durchhält, tut etwas für die seitliche Rumpfmuskulatur. Foto: Thilo Schmülgen

Selbsteinschätzung ist gefragt

Und wie schützt man sich vor Übermut? Tafel-Tipp: Das Training soll schmerzfrei sein. „Jeder macht es so gut, wie er es kann“, sagt Otto. Vorpreschen oder beweisen muss sich in ihrer Gruppe keiner. Von Anfang an trainierten an der Groov auch Männer mit. Otto findet das bemerkenswert. Sie weiß von anderen Kursen, die als Seniorensport in Turnhallen angeboten werden, dass das nicht selbstverständlich ist. „Vielleicht kommen die Männer lieber, weil wir draußen Sport machen“, vermutet sie. Manch einer oder auch manch eine sei vielleicht am Anfang etwas übereifrig. Das lege sich aber schnell, sagt Otto.

Nach kurzer Zeit konnten eigentlich alle ihre Neuzugänge die eigenen Fähigkeiten gut einschätzen. „Die hören auf, wenn sie nicht mehr können“, sagt Otto auf die Frage, ob sie keine Angst habe, dass sich jemand übernimmt. Bislang ist noch niemand aus der Gruppe ausgeschieden. Auch ein Teilnehmer mit fortschreitender Demenz kommt regelmäßig. Er wohnt nicht weit von der Groov und kommt alleine zum Fitnessparcours. Noch stelle der Weg kein Problem für ihn dar. Er fühle sich wohl, die Sportkameraden seien ihm vertraut, sagt Irmgard Otto. Das gilt wohl für alle Teilnehmer.


Beim Balancieren auf festem (links) und beweglichem (rechts) Untergrund kann man sich an der seitlichen Stange festhalten. Foto: Thilo Schmülgen

„Man kriegt die Geschichte der anderen mit“, sagt Nina Hieronymus-Habel. Sie ist 41 Jahre alt und macht mit, seit sie eines Tages auf ihrer Hunderunde an der Gruppe vorbeikam. Kein Leistungsdruck, frische Luft und Gemeinschaft: Hieronymus-Habel würde die Gruppe des Senioren Netzwerks jedem Angebot in einem Fitnessstudio vorziehen. Die meisten seien im Ruhestand, was großen Einfluss auf die Stimmung habe: „Die sind entspannter beim Sport“, sagt sie. Sie schaut Jenny Nicklis zu und formuliert ein Ziel: „In dem Alter möchte ich auch noch so fit sein. “Wer noch Lust hat, schnappt sich am Ende einen Ball und zielt auf die Basketballkörbe auf dem Platz nebenan.

Die erzielten Treffer zeigen, dass sich das Training gelohnt hat. Nicht nur Otto ist sehr zufrieden mit ihren Schützlingen. Auch die beiden immer noch zuschauenden Sportstudenten spenden bei jedem erfolgreichen Versuch anerkennenden Beifall.

Informationen zu Fitnessstationen in Kölner Parks

2015 wurde mit finanzieller Unterstützung der Kölner Grünstiftung und einer Brauerei im Inneren Grüngürtel zwischen Vogelsanger und Venloer Straße der erste Bewegungsparcours eröffnet. Im April erfolgte der Baubeginn des zweiten größeren Parcours im Lohsepark entlang der Inneren Kanalstraße in Nippes. Die Eröffnung ist fürJuni geplant.

Elf kleinere Bewegungsstationen über die Stadt verteilt vervollständigen das Angebot. Sie sind mit weniger Geräten ausgestattet und an beliebten Joggingstrecken platziert.

Die Standorte im Einzelnen:

-Lindenthal, Adenauer Weiher
- Sülz, Beethovenpark
- Sülz, Decksteiner Weiher, Südende
- Neuehrenfeld, Takufeld
- Bilderstöckchen, Blücherpark
- Longerich, Neusser Landstraße / Ecke Militärring
- Zündorf, Groov, nördlich des Kombibads
- Ostheim, Höviland, Vingster Ring, Vingster Bad
- Höhenberg, Merheimer Heide
- Merheim, Ökumeneweg
- Mülheim, Schlackenbergwerft

Alle Einrichtungen sind mittlerweile wieder jederzeit frei zugänglich, Kosten für die Nutzung entstehen keine.

 

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Tags: Fitness im Alter , Kölner Parks

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