Leben in Köln

Wenn jeder Cent zählt

David Korsten · 25.12.2019

Foto: fotolia / Anke Thomass

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Immer mehr älteren Menschen reicht die Rente nicht, um Miete, Lebenshaltung und kleine Alltagsfreuden zu bezahlen. Aber ab wann kann man von Altersarmut sprechen? Wie viele Kölnerinnen und Kölner sind betroffen und welche Hilfen gibt es?

Die Frage, ab wann man in unserer Wohlstandsgesellschaft als arm gilt, ist nicht einfach zu beantworten. Seit Mitte der 1980er Jahre gilt in den Ländern der Europäischen Union die Festlegung, dass in Armut lebt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens zur Verfügung hat. Für das Jahr 2018 haben die Fachleute des Statistischen Bundesamtes ausgerechnet, dass diese Grenze in Deutschland bei einem Einpersonenhaushalt bei 1.035 Euro und beim Zweipersonenhaushalt bei 1.553 Euro liegt. Der Armutsbericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes gibt an, dass in der Altersgruppe der über 65-Jährigen bundesweit 13,1 Prozentder Seniorenhaushalte von Armut betroffen sind.

Unberücksichtigt bleiben regionale und lokale Unterschiede. „Diese müssen bei der Frage der Altersarmut aber unbedingt berücksichtigt werden“, betont Ulrike Volland-Dörmann, Sprecherin der Kölner Liga der Wohlfahrtsverbände. So sei Köln als attraktive Großstadt mit steigenden Mieten, höheren Mietnebenkosten und höheren Lebenshaltungskosten anders zu betrachten als beispielsweise ländliche Regionen im Sauerland oder auf der schwäbischen Alb. Daher hat die Stadt Köln eine eigene Berechnung veröffentlicht. Laut einer Umfrage von 2016 leben 22 Prozent der 60- bis 80-Jährigen unter der Armutsgrenze. Der Anteil bei den über 80-Jährigen wurde nicht erfasst. Das bedeutet, dass in Köln jeder fünfte Ältere zu wenig Geld zum Leben hat, das sind über 50.000 Menschen.


Werte für einen Ein-Personen-Haushalt im Jahr 2019. Ab Januar 2020 wird der Regelsatz um 8 Euro auf 432 Euro angehoben. Quelle: Agentur für Arbeit

Für Ulrike Volland-Dörmann kommt es noch auf etwas anderes an: „Für mich sind Menschen arm, wenn sie Miete und durchschnittlichen Lebensunterhalt nicht bezahlen können – insbesondere aber auch dann, wennsie nicht aktiv am sozialen und kulturellen Leben teilnehmen können.“

Sichere Hinweise auf Armut

Eine Möglichkeit, den Umfang von Altersarmut konkret festzustellen, ist die Zahl der Bezieher von Grundsicherung im Alter. Diese Sozialleistung erhält, wer im Rentenalter den notwendigen Lebensunterhalt nicht ausreichend aus eigenem Einkommen und Vermögen bestreiten kann. Für Köln gilt: Immer mehr Menschen ab 65 Jahren sind darauf angewiesen. Verzeichnete die städtische Statistik im Jahr 2005 noch 8.308 Leistungsempfänger, so waren es 2018 mit 14.265 fast 80 Prozent mehr. Das sind 7,7 Prozent der Kölnerinnen und Kölner im Alter ab 65 Jahren. Damit wird deutlich: In Köln ist das Problem wesentlich größer als im Land Nordrhein-Westfalen, wo es gemäß amtlicher Statistik 4,2 Prozent sind.

"Für mich gab es immer nur die Kinder. Nun kann ich nicht einmal Geburtstagsgeschenke für meine Enkel und Urenkel bezahlen.“ 81-jährige Seniorin, die als alleinerziehende Mutter sich und ihre vier Kinder mit Putzjobs durchbrachte

Insgesamt 9440 Wohnungen bezogen 2017 Wohngeld in Köln. Davon hatten 2077 Haushalte einen Haushaltsvorstand über 65 Jahre.


Quelle: Stadt Köln, Kölner Statistische Nachrichten, 01/19

Ein weiterer sicherer Hinweis ist die Anzahl der Haushalte, die Wohngeld beziehen. Zwar liegen hier die Einkommensgrenzen höher als bei der Grundsicherung, aber man muss einkommensschwach sein. Die Einkommensgrenzen liegen pauschal für einen Ein-Personen-Haushalt bei 1.331 Euro brutto monatlich, für zwei unter einem Dach bei 1.547 Euro. In Köln bezogen so Ende 2017 insgesamt 9.440 Haushalte Wohngeld, davon 22 Prozent mit einem Haushaltsvorstand über 65 Jahre. Der Vorstand ist meistens der Antragsteller, wie viele Menschen über 65 Jahre noch mit in diesen Haushalten wohnen, ist leider nicht erfasst.

Sozialexperten vermuten, dass eine nicht unerhebliche Menge von Berechtigten die ihnen zustehende Leistung aus Scham oder Angst, dass ihre Kinder für sie zahlen müssten, erst gar nicht beantragen. Daher könnte die tatsächliche Zahl der Altersarmen deutlich höher liegen als bekannt.
Lars Schäfer, Fachreferent für Armut und Grundsicherung beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Nordrhein-Westfalen, rät Betroffenen, sich genau zu informieren und ihnen zustehende Leistungen auch in Anspruch zu nehmen. Was mancher nicht weiß: Kinder werden nur dann zur Kasse gebeten, wenn ihr jährliches Einkommen 100.000 Euro übersteigt.

 

Die Zahl der Kölnerinnen und Kölner ab 65 Jahren, die Grundsicherung beziehen, ist seit 2005 um 80 Prozent gestiegen.


Quelle: Stadt Köln, Amt für Soziales, Arbeit und Senioren, Stand 31.12.2018

Armut macht unsichtbar

Wer wenig Geld hat, spart zuerst an Freizeitaktivitäten, auch der Besuch im Café kostet Geld. Dennoch beklagten sich die Betroffenen selten, berichtet Sonja Harken. Sie organisiert bei der Stiftung der Diakonie Michaelshoven die Spendenkampagnen. Die ältere Generation sei es oftmals gewohnt, mit wenig Geld auszukommen. Besonders schmerzlich sei allerdings, wenn Besuche oder kleine Mitbringsel für Enkelkinder nicht finanzierbar sind.

Viele arme Ältere ziehen sich daher in die eigenen vier Wände zurück. Sie haben bald nur noch wenige oder keine sozialen Kontakte mehr. Altersarmut bleibt oftmals unsichtbar, bestätigt Lars Schäfer. „Eine Ausnahme von dieser Regel stellen ältere Flaschensammler dar. Diese Symbolfigur der Altersarmut gehört inzwischen zum Stadtbild – vor einigen Jahren gab es das in dieser Form noch nicht“, ergänzt er. Und auch in den Schlangen bei den Ausgabestellen der Kölner Tafel sind immer mehr Ältere zu sehen.

Dass außerdem Frauen deutlich häufiger von Altersarmut betroffen sind als Männer, bestreitet keiner der Experten.
Ende 2018 waren 58 Prozent der Grundsicherungsempfänger weiblich. Werner Schönig, Professor für Sozialökonomik an der Katholischen Hochschule NRW, Standort Köln, nennt den Hauptgrund: unterbrochene Erwerbsbiografien. „Frauen, die jetzt im Rentenalter sind, haben deutlich häufiger über weite Strecken in Teilzeit gearbeitet oder die Kinder erzogen.“ Betroffene erlebten es als besonders schmerzhaft, wenn die Lebensleistung nicht für eine Rente ausreiche. Das gelte für beide Geschlechter.

Leistungen der Grundsicherung gehen zu 58 Prozent an Frauen und zu 42 Prozent an Männer.


Quelle: Stadt Köln, Amt für Soziales, Arbeit und Senioren

 

Vielfältiges Hilfsangebot in Köln

Auf die zahlreichen Unterstützungsmöglichkeiten verweist Ulrike Volland-Dörmann. Neben der Seniorenberatung in jedem Bezirk nennt sie präventive Hausbesuche, haushaltsnahe Dienstleistungen, Selbsthilfeaktivitäten und die sechzig Netzwerke und Altenclubs in fast jedem Stadtteil. Sie alle sind Teil des Seniorenberatungskonzeptes und werden von der Stadt Köln finanziell gefördert. Zudem böten in Köln verschiedene Träger Freizeit-, Bildungs- und kulturelle Angebote, so Volland-Dörmann.

Dr. Harald Rau, der Beigeordnete für Soziales, Umwelt, Gesundheit und Wohnen der Stadt Köln, ergänzt: „Unsere ganze Gesellschaft ist gefordert, wirksame Maßnahmen gegen Altersarmut zu ergreifen. Auch die Kommunen trifft eine besondere Verantwortung. So hilft zum Beispiel der Köln-Pass mit zahlreichen Vergünstigungen, am sozialen und kulturellen Leben unserer Stadt teilzunehmen.“

"Was soll man machen? Davon muss man alles kaufen.“ 87-jährige Grundsicherungsempfängerin

So hilft der Staat

Grundsicherung im Alter

Menschen, die ihren notwendigen Lebensunterhalt nicht oder nicht ausreichend aus eigenem Einkommen und Vermögen bestreiten können, sollten Grundsicherung beantragen. Dafür muss man mindestens 65 Jahre alt sein. Dieses Mindestalter wird für nach dem 1. Januar 1947 Geborene gestaffelt angehoben.
Die Höhe der Grundsicherung hängt vom Bedarf ab. Dazu zählt der Regelsatz (ein Grundbetrag), der 2019 für Alleinstehende 424 Euro beträgt (2020: 432 Euro). Zusätzlich werden die Kosten für Unterkunft und Heizung sowie Leistungen zur Bildung und Teilhabe als Bedarf berücksichtigt.


Die Bedarfe werden Einkommen und Vermögen gegenübergestellt, aus der Differenz errechnet sich die Höhe der Grundsicherung. Die Deutsche Rentenversicherung rät, bei einem gesamten Monatseinkommen von unter 865 Euro pro Person die Grundsicherung zu beantragen. Der Antrag muss beim Sozialamt der Stadt Köln gestellt werden. Die Mitarbeitenden des Amtes helfen beim Ausfüllen des Formulars. Zuständig ist die Außenstelle des Amtes für Soziales, Arbeit und Senioren, die in jedem Bezirksrathaus zu finden ist. Dort ist auch die Seniorenberatung zu finden, bei der man sich vorab informieren kann.

Auf der Webseite der Stadt finden Sie viele weitere Links, wie beispielsweise Informationen zur Grundsicherung im Alter

Auf der Webseite "smart-rechner" können Sie unter dem Link Grundsicherungsrechner Ihren Anspruch auf Grundsicherung im Alter bzw. auf Grundsicherung bei Erwerbsminderung anhand Ihres Bedarfs und Ihres Einkommens online berechnen.

 

Wohngeld

Das Wohngeld ist ein Zuschuss zu den Kosten für Miete oder als Lastenzuschuss zu den Kosten eines Eigenheims oder einer Eigentumswohnung. Die Leistung ist immer einkommensabhängig.

Stadtweit zuständig ist:

Zentrale Wohngeldstelle
Bezirksrathaus Lindenthal
Aachener Str. 220
50931 Köln.

Öffnungszeiten:
montags, dienstags, donnerstags: 8–12 Uhr
E-Mail

Auf der Webseite der Stadt finden Sie den Wohngeld-Antrag und den Wohngeldrechner.

 

Köln-Pass

Mit dem Köln-Pass erhält man Ermäßigung für viele Leistungen wie Tickets der Kölner Verkehrsbetriebe, den Zoo, Museen und Bühnen der Stadt Köln und vieles mehr. Bei geringem Einkommen oder geringer Rente sollte ein Antrag gestellt werden.

Stadtweit zuständig ist:


Amt für Soziales, Arbeit und Senioren
Abteilung Bildung und Teilhabe, Köln-Pass
Bezirksrathaus Mülheim(3. Etage)
Wiener Platz 2a
51065 Köln.
Tel. 0221 / 221-304 01

Auf der Webseite der Stadt finden Sie den Link zum KölnPass.

Alle Kontaktdaten finden Sie bei der städtischen Auskunft unter Tel. 0221 / 221-0.
Wichtige Telefonnummern und Adressen als Übersicht und zum Ausdrucken finden Sie hier.

 

Lesen Sie den Kommentar von Oberbürgermeisterin Henriette Reker

 

Der Sozialverband VdK hat ein kurzes Video auf Youtube gestellt: Ratgeber zur Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung


Quelle: Youtube

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Tags: Armut , Hilfsangebote , Leben im Alter , Wohnen im Alter

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