Raus aus Köln

Wüste im Wasser

Malte Keller/Nordseetourismus · 02.04.2019

Wattführer Heinz-Jürgen Fischer auf dem Weg zur Kormoraninsel. Foto: www.nordseetourismus.de

Wattführer Heinz-Jürgen Fischer auf dem Weg zur Kormoraninsel. Foto: www.nordseetourismus.de

Wer trockenen Fußes  über den Meeresboden laufen will, wartet, bis sich die Nordsee bei Ebbe zurückzieht. Dann bricht er zur „Kormoran-Insel“ auf.

Nahe Dunsum auf Föhr. Es ist ein klarer und kühler Morgen, der Ostwind hat das Wasser nach Westen gedrückt und die Ebbe – wie gewöhnlich – Nebel und Dunst mit fortgezogen. Vor dem Deich liegt der große, leere Raum wie eine Einladung zum Abenteuer. Links voraus in der Ferne ist Amrum zu sehen, geradeaus die Südspitze von Sylt, deutlich zu erkennen mit dem Leuchtturm von Hörnum. Dazwischen liegt das Watt, man kann beobachten, wie es drei Stunden vor Niedrigwasser zunehmend trockenfällt. Am Horizont, sanft gewölbt wie ein Uhrglas, liegt eine Sandbank, die bei gewöhnlichem Hochwasser nicht mehr überspült wird – deshalb strahlt sie wie Gold vor dem Blau des Himmels. Sie ist das Ziel einer besonderen Wattwanderung, denn die „Kormoran-Insel“ zu besuchen, heißt Neuland zu betreten.

Sand und Schlick, von den Gezeiten geformt

Heinz-Jürgen Fischer führt an diesem Morgen eine Gruppe hinaus in das Wattenmeer, das sogar zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt wurde. Es reicht von Den Helder in den Niederlanden über Niedersachsen und Schleswig-Holstein bis nach Esbjerg in Dänemark – über 450 Kilometer entlang der Nordseeküste. Fischer ist der Veteran der Wattwanderungen; er führt sie seit mehr als fünfzig Jahren. Und kaum jemand kann die Veränderungen des Watts aus eigenem Erleben so deutlich beschreiben wie er. Fischer weiß noch, wie die Leute in den 1950er Jahren mit Pferd und Fuhrwerk zwischen Föhr und Amrum unterwegs waren. „Heute ist das nicht mehr auf direktem Weg möglich, weil sich dort ein großer Priel in dieses Watt gearbeitet hat.“ Die Sand- und Schlickschichten des Watts unterliegen ständiger Veränderung; Bänke und Priele sind in permanenter Bewegung, Lage und Verläufe werden von Wind, Wellen und Wasser verschoben.

Wandergruppe im Wattenmeer Wattführer Heinz-Jürgen Fischer

Heinz-Jürgen Fischer (rechts) führt seit mehr als 50 Jahren Wattwanderungen. Fotos: Ann-Kathrin-Meierhof / www.nordseetourismus.de

Hier draußen unterliegt alles der Macht der Natur, das macht einen Ausflug auf dem Meeresboden so faszinierend: unterwegs sein, wo der Mensch nicht hingehört, und einen Einblick bekommen ins Verborgene. Zur „Kormoran-Insel“ und sich wie ein Entdecker fühlen: „Vor knapp fünfzig Jahren begann sich diese Sandbank aufzuformen“, berichtet Fischer, als er die Gruppe über eine schier endlose Wattfläche nach Westen führt, „Kormoran-Insel heißt sie, weil dort manchmal diese schwarzen Vögel beobachtet werden können.“

Auf dem Weg dorthin sieht man dicht an dicht Tausende Sandhäufchen. Es ist der Kot des Wattwurms, dekorativ ausgeschieden. Er ist nicht der einzige Bewohner in Sand und Schlick. In einem einzigen Quadratmeter leben rund 900 dieser Würmer, 40.000 Kleinkrebse, 10.000 Schnecken und Muscheln! Sie sind die Nahrung für viele Vögel. Lach- und Silbermöwen kreischen in der Luft, über den Schlick trippeln Austernfischer, Sandregenpfeifer und Strandläufer. Hin und wieder kann man auf einer der Sandbänke auch Seehunde beobachten.


Das Weltnaturerbe Wattenmeer - ein Video von Nordseetourismus. Quelle: Youtube

Versunkene Dörfer, sagenhafte Kapellen

Fischer kehrt zu der Zeit zurück, als sich die Sandbank der Kormoran-Insel zu bilden begann: Gleichzeitig verkleinerten sich andere vor der Küste von Amrum – heute hier und morgen fort. Nichts ist hier draußen so beständig wie die Vergänglichkeit. „Man muss sich das einmal vorstellen: Wo wir heute wandern – und wo das Wasser bald wieder zwei Meter, maximal bis zu drei Meter hoch steht –, war vor Jahrhunderten Land“, sagt Fischer. Anderswo im Watt soll man einer Sage nach zu bestimmten Zeiten das Läuten von Kirchturmglocken hören. Ganz alte Karten immerhin verorten dort, wo Fischer einmal alte Steine fand, eine Kapelle.

Wanderinnen im Wattenmeer
Wenn die See wieder heran rollt, prickelt das Salz im Gesicht. Foto: Oliver-Franke

 

Weil das Wasser heute extrem weit abgelaufen ist, liegt vor dem westlichen Ufer der Kormoran-Insel weiterer Meeresboden trocken – eine Landschaft aus Seen und Sandwällen, mit Buchten und Prielen, tief und trockengefallen. Es ist das alleräußerste Ende dieser amphibischen Welt. Die See rollt mächtig heran und glitzert beinah türkis. Schaumkronen tanzen auf der Brandung. Die Luft schmeckt nach dem Meer und die Lippen nach Salz. Es prickelt im Gesicht und vor Freude. Auf dem Rückweg knistert der Sand, der vom ewigen Wind getrieben über die Sandbank weht. Über eine Wüste im Wasser.

Gut zu wissen

Führungen zur „Kormoran-Insel“ von Föhr oder Amrum aus. Eine gute Fitness ist für diese Wanderung obligatorisch.Sehr empfehlenswert ist eine funktionelle, das heißt eine winddichte, atmungsaktive und gleichzeitig regenfeste Bekleidung zu tragen und ausreichend Wasser und Snacks mitzuführen. Bei Ausflügen im Wattenmeer empfiehlt es sich grundsätzlich, sich einer geführten Wanderung anzuschließen.

Termine auf www.foehr.de, www.amrum.de oder www.der-inselläufer.de

Wattenmeer mit Wattrollstuhl
Wattwanderungen sind auch für Rollstuhlfahrer möglich - mit speziellen Wattrollstühlen. Foto: TMS Büsum

Barrierefreie, naturkundliche Wattwanderungen von Büsum aus, auch mit mietbaren Strandrollstühlen.
Info: Touristeninformation, Tel. 04834 / 90 90. www.buesum.de

Weitere Informationen:
Nordsee-Tourismus Service GmbH
Tel. 04841 / 89 75-0
www.nordseetourismus.de

Eine gute Fitness ist für diese Wanderung obligatorisch. Sehr empfehlenswert ist eine funktionelle, das heißt eine winddichte, atmungsaktive und gleichzeitig regenfeste Bekleidung zu tragen und ausreichend Wasser und Snacks mitzuführen. Bei Ausflügen im Wattenmeer empfiehlt es sich grundsätzlich, sich einer geführten Wanderung anzuschließen.

Tags: Natur , Reisen

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