Leben in Köln

Mode für mich

lvp · 05.01.2019

„Ich trage das, was andere auch tragen“, sagt Ahad Amirpur. Foto: Thilo Schmülgen

„Ich trage das, was andere auch tragen“, sagt Ahad Amirpur. Foto: Thilo Schmülgen

Menschen mit körperlichen Einschränkungen haben es bei der Kleiderwahl nicht einfach. Anziehsachen sind oft funktionell, aber nicht modisch. Doch es geht auch anders. Inzwischen sind sie als Zielgruppe auch für große Modemacher interessant.

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Laura Christ ist 1,30 Meter groß. In ihrer Familie ist die Neu-Kölnerin die Einzige, die mit einer Achondroplasie zur Welt kam. Das ist die häufigste der über hundert Formen des Kleinwuchses durch eine Genveränderung. Die 23-Jährige hat vor allem verkürzte Oberarm- und Oberschenkelknochen. Über passende Kleidung muss sie sich daher mehr Gedanken machen.

Laura Christ trägt schwarze Jeans, Spitzenoberteil, Woll-Cardigan, schwarze Lackschuhe und eine TascheSchwarze Jeans mit hohem Stretch-Anteil trägt Laura Christ am liebsten. Diese sind angenehm, weil sie sich ideal anpassen. Mit einem Woll-Cardigan und Spitzenoberteil, schwarzen Lackschuhen und Tasche ist dieses Outfit salonfähig für die Rennbahn. Foto: Thilo Schmülgen

„Ich bin mal verwundert gefragt worden, warum ich mich für Mode interessiere? Gegenfrage: Warum denn nicht? Ich möchte mich in meinen Sachen genauso wohlfühlen wie alle anderen. Mein Stil ist wie der vieler anderer Menschen auch: casual, leger. Meistens trage ich schwarze Hosen, die kann man super kombinieren. Extrem auffällige, bunte Kleidung liegt mir nicht, ich falle ohnehin schon genug auf.

Ich glaube, durch die Arbeit mit der Modedesignerin Sema Gedik hat sich mein Blick für Kleidung verändert, ich gucke jetzt genauer, was ich anziehe. Sema hat vor ein paar Jahren angefangen, passende Sachen für kleinwüchsige Menschen zu entwerfen. Dafür hat sie viele vermessen, mich auch. Vor drei Jahren bin ich dann mitgelaufen als Model bei ihrer Modenschau auf der Fashion Week in Berlin. Das war ganz schön aufregend und ich war stolz, mitmachen zu dürfen.

Jetzt gibt es Sachen von Sema auch online. Die sind zwar etwas teurer als das, was ich sonst ausgebe für Kleidung, aber manchmal bestelle ich mir eine Bluse oder ein Shirt, weil ich genau weiß, dass die Sachen sitzen. Einfach überziehen und gut ist – das kenne ich sonst gar nicht. Ist großartig.

Denn wenn ich in der Stadt shoppe, finde ich eigentlich nie etwas, das sofort passt. Gerade Blusen und Jacken sitzen bei mir nicht richtig. Das ist immer ein richtiger Heckmeck. Mein Oberkörper und die Hüfte sind normal proportioniert, mir passt eigentlich Größe 36. Aber die Ärmel und Hosenbeine sind immer zu lang. Und weil ich ein starkes Hohlkreuz habe, passen die Hosen am Bund nicht. Es sei denn, sie sind aus stretchigem Material.

Von gut sitzenden Hosen kaufe ich gleich zwei oder drei. Die zu langen Hosenbeine krempel ich um oder schneide sie ab. Das Ändern mache ich selbst, schon seit Jahren – seit ich in der Schule einen Nähkurs hatte. Andere Kleinwüchsige müssen mit ihren Sachen zum Schneider, was noch mal Geld kostet.

Es wäre natürlich schön, eine größere Auswahl an passenden Sachen kaufen zu können. Aber das ist halt nicht so. Ich habe mich damit abgefunden. Wenigstens mit Schuhen habe ich kein Problem. Anders als die meisten Kleinwüchsigen habe ich größere Füße mit Schuhgröße 36/37. So kann ich ganz normal im Schuhladen anstatt in Geschäften für Untergrößen einkaufen.“

Wie alle anderen wollen Menschen mit Behinderungen trendige Outfits tragen, gut aussehen und sich wohlfühlen. Doch die Auswahl lässt zu wünschen übrig. Anziehsachen für körperlich Eingeschränkte sind oft praktisch und funktionell; was schon mal sackartig statt modisch bedeutet. Auf der internationalen Fachmesse Rehacare in Düsseldorf sieht man jedes Jahr entsprechende Kleidung vor allem für Rollstuhlfahrer.

Doch über die Marktlage insgesamt sagt Manuela Preinbergs, Pressesprecherin der Messe: „Schicke Mode für Menschen mit Behinderung ist ein Nischenmarkt.“ Es bewege sich allerdings etwas: „Ich habe den Eindruck, dass diese Sparte ein wachsendes Segment ist.“ Die Sensibilität sei eine andere als früher.

Tatsächlich taucht adaptierte Mode, also schöne und bedarfsgerechte Kleidung für Gehandicapte, inzwischen sogar bei ganz großen Modedesignern auf: So hat im vergangenen Jahr die US-Modemarke Tommy Hilfiger erstmals eine Kollektion mit Shirts, Jeanshosen, Jacken und Kleidern für Gehandicapte auf den Markt gebracht. Die Kleidung sieht aus wie die Sachen der Nicht-Behinderten. Doch Menschen im Rollstuhl oder Armamputierte können sie einfacher anziehen und Pflegende haben es ebenfalls damit einfacher. Möglich machen das beispielsweise magnetische Knöpfe, verstellbare Säume sowie Kordel- und Klettverschlüsse.

Betroffene wissen, worauf es ankommt

Doch so eine Kollektion ist noch die Ausnahme. In der Regel sind es kleine Unternehmen oder Einzelpersonen, die mit viel Herzblut modische behindertengerechte Kleidung herstellen. Manche verkaufen nicht im Ladenlokal, sondern im Online-Shop. Kunden können auch anrufen und sich beraten lassen.

Viele der Klein-Anbieter haben selbst eine besondere Nähe zu der Thematik. Zum Beispiel Murat Kurt, Gründer der Berliner Firma Rollitex. Kurt sitzt selbst im Rollstuhl und verkauft Kleidung für Herren, Damen und Kinder, die dauerhaft im Rollstuhl sitzen. Was zum Beispiel heißt: „Damit Jeans nicht scheuern, haben sie hinten keine Taschen. Die vorderen Taschen sind weiter unten angebracht, damit man auch im Sitzen hineingreifen kann“, erklärt Kurt. Außerdem erleichtern längere Reißverschlüsse das An- und Ausziehen sowie den Umgang mit einem Katheter. Um nicht zu weit nach unten zu rutschen, sind sie höher geschnitten. Außerdem sind die Nähte flacher und viel stärker als bei normalen Jeans. Was wichtig ist, wenn man im Sitzen immer wieder hin- und herrutscht.

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