Leben in Köln

Mer stonn zo dir …

David Korsten-KölnerLeben Ausgabe 1/2018 · 08.02.2018

Max Esser im Kreise einer Mannschaft des 1. FC Köln. (Foto: privat)

Max Esser im Kreise einer Mannschaft des 1. FC Köln. (Foto: privat)

Erstaunlich, aber wahr: Max Esser ist seit 80 Jahren FC-Mitglied, obwohl der Verein am 13. Februar 2018 erst sein 70-jähriges Bestehen feiert. Wie kann das sein?

Schon als Kind war ich ein begeisterter Fußballer“, erzählt Max Esser. Der heute 94-Jährige erinnert sich noch gut daran, wie er mit Freunden Konservenbüchsen auf der Straße hin- und herkickte oder auf der Wiese im Stadtwald spielte. Der lag nur wenige Minuten von Essers Elternhaus in Braunsfeld entfernt. Sein erster Verein war Hannibal Melaten. „Lieber hätte ich aber für den KBC, den Kölner Ballspiel-Club, gespielt – schließlich war mein Vater alter KBCaner“, sagt Esser. Doch der Trainingsplatz war zu weit entfernt, und ein Fahrrad besaß er noch nicht. Das bekam er erst 1938 – und trat dann auch gleich in den KBC ein.

Dessen Vorsitzender Franz Kremer verfolgte eine Idee: „Der Visionär“, wie Max Esser ihn bezeichnet, wollte einen Großverein in Köln gründen, der auch im Kampf um die deutsche Meisterschaft würde mithalten können. Der SV Union Köln aus der Südstadt lehnte ab, Kremer klopfte bei der Spielvereinigung Sülz 07 an. Mit Erfolg: 1948 war die Fusion perfekt, der 1. FC Köln geboren. Deshalb ist Max Esser bereits seit 80 Jahren Mitglied, obwohl der Verein erst 70 Jahre alt wird – seine Zugehörigkeit zum Vorgänger KBC wird mitgewertet.

An der Vitrine im Wohnzimmer hängt der FC-Wimpel, auch das weiße Hemd und der rote Pullover, die er heute trägt, zeugen von seiner Verbundenheit mit dem Verein. „Das Double war ein ganz besonderer Moment, schließlich kommt das nicht so häufig vor“, erinnert sich Esser und strahlt. 1977 / 78 gewannen die Geißböcke um Trainer Hennes Weisweiler die Meisterschaft und den DFB-Pokal. Solche Erfolge liegen in der aktuellen Saison 2017/18 in weiter Ferne: Bei den Geißböcken läuft kaum etwas zusammen, es droht der fünfte Abstieg der Vereinsgeschichte. Die sportlichen Höhen und Tiefen des FC hat Esser alle miterlebt – und dem Verein auch in schweren Stunden die Treue gehalten. Wenn der Verein absteigt, sei das natürlich traurig. Aber dann hoffe man eben auf den Aufstieg.
(Foto: David Korsten)

Aktiv auf Feld und Rang

„Das Berufsspielertum war zu meiner Zeit noch nicht verbreitet“, sagt Esser, einst selbst ein talentierter Fußballer. Er wurde Ingenieur, arbeitete als selbstständiger Gutachter für Versicherungen – bis zu seinem 80. Lebensjahr. Er habe ganz Deutschland bereist, auch an die französische Riviera habe es ihn verschlagen. Allein wegen seines Berufs konnte er der Mannschaft nicht überallhin hinterherreisen. Doch an besondere Partien erinnert er sich, etwa an ein Auswärtsspiel des FC in München, als Franz Beckenbauer das Bayern-Trikot trug.

Lange Zeit spielte Esser in der Altherrenmannschaft des 1. FC Köln. So bleibe man aktiv, jeder gewonnene Zweikampf sei ein kleiner Erfolg und gut fürs Selbstbewusstsein. „Aber auch auf die dritte Halbzeit haben wir großen Wert gelegt“, sagt Esser und schmunzelt. Die gemeinsamen Fahrten mit den Ehefrauen, die langjährigen Freundschaften, die sie mit den Spielern der gegnerischen Mannschaften geschlossen haben – das sei eine schöne Zeit gewesen. „Irgendwann bezeichneten uns die jüngeren Spieler als ,Gruftis‘“, erzählt Esser und lächelt verschmitzt. Da sei es an der Zeit gewesen aufzuhören.


Foto: David Korsten

Ein Ende seiner FC-Mitgliedschaft zieht er allerdings nicht in Betracht: „Ich bin Mitglied, und das bleibt auch so“, sagt Esser entschlossen. Schließlich gelte seine Sympathie dem Verein, und dies völlig unabhängig von einzelnen Spielern oder den handelnden Personen. Dass manche nur zum Verein stehen, wenn er erfolgreich ist – für ihn komme das nicht infrage. Ihn beschäftige es immer noch, wenn der FC als Verlierer den Platz verlässt. „Das hat mir schon einige schlaflose Nächte beschert“, erzählt er. Inzwischen gehe er mit Niederlagen gelassener um.

Fernseher statt Tribüne

Sein letzter Stadionbesuch liege jetzt drei Jahre zurück, der FC spielte im traditionell hitzigen Derby gegen Mönchengladbach. Aber der Trubel, die Polizeipräsenz und die vielen Treppen – das sei nichts mehr für ihn. „Aber die Stimmung war fantastisch, fast sakral“, sagt er. Jetzt schaue er sich die Spiele im Fernsehen an. Wenn der FC zurückliege, schalte er immer auf Konferenzschaltung um – wie im Radio berichten dabei Reporter abwechselnd aus den Bundesligastadien. „Dann hoffe ich immer, dass der Ruf kommt: ,Tor in Müngersdorf!‘ – und dass sich dann die richtigen Spieler in den Armen liegen“, sagt Esser. Ab und zu gebe es durchaus Konflikte mit seiner Frau über die „Rechte“ am Fernseher, sie kann dem Fußball nicht so viel abgewinnen. „Aber samstags gehört der Fernseher mir“, sagt er.

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